Alt aber noch nicht aus der Mode

Die letzte Gefriergemeinschaft in NRW

Während sie früher in jedem Dorf und jeder Stadt vertreten waren, sind sie heute nahezu ausgestorben – Gemeinschaftsgefrierhäuser. Bereits der Name ist vermutlich überwiegend nur der älteren Generation noch ein Begriff. Die Notwendigkeit dieser Gebäude entstand in der Nachkriegszeit. Während in den 50er Jahren der private Besitz von Kühltruhen nahezu unerschwinglich war, schlossen sich fast allerorts Gemeinschaften zusammen, um in Gefrierhäusern ihre Lebensmittel zu verstauen.

Für durchschnittlich 25 DM konnte eine Familie für ein Jahr ein eigenes Fach anmieten, nicht zu vergleichen mit den Anschaffungs- und Unterhaltskosten für eine eigene Gefriertruhe in den privaten vier Wänden. Um auch im Sommer eine durgängige Gefrierung zu ermöglichen, ist der Aufbau sowie die Isolierung einer Gemeinschaftsgefrier­anlage schon 1957 ganz genau beschrieben worden. So empfahl der Fachbuchautor und Klimaexperte Dipl. Ing. J. Gutschmidt in Heft 90 des Land- und hauswirtschaftlichen Auswertungs- und Informationsdienst Kork als optimale Isolierung für den Gefrierraum. Mehrfach wurde in dem Schreiben auch die empfohlene Gefriertemperatur von – 21°C betont. Als Kältemittel der Wahl sprach er sich klar für „Frigen“, alternativ aber auch für Chlormethyl und Ammoniak aus. Heute würde er diese Empfehlung vermutlich überdenken. Aber nicht nur bei der Wahl des Kältemittels hat sich in den letzten 70 Jahren einiges verändert.

Mit steigendem Wohlstand, der Vergünstigung von Gefriertruhen für den privaten Gebrauch und gestiegenem Komfortbedürfnis verblasste die Unverzichtbarkeit und die Gemeinschaftsgefrierhäuser verschwanden nach und nach. Vereinzelt haben sich wenige gehalten, so beispielsweise in Beienbach. Hier unterhält der Gefrierverein ein auf den ersten Blick unscheinbares Gebäude mit gerade einmal knappen 45 m2. In dessen Inneren stehen den Mitgliedern 30 Gefrierfächer zur Verfügung. Jedes einzelne misst 0,64 x 0,60 x 0,72 m (Breite/Höhe/Tiefe) mit einem Fassungsvolumen von rund 275 l. Damit ist die Gefriergemeinschaft eine der letzten ihrer Art in ganz Nordrhein Westfalen. 1960 wurde das Kühlhaus mit einer Gefrieranlage der Marke Mammut ausgestattet. Um einen schonenden Prozess zu gewährleisten, kühlte ein Vorfroster mit zwei Fächern die Lebensmittel zunächst herunter, ehe sie in einem der Gefrierfächer eingelagert werden konnten. Mehr als ein halbes Jahrhundert hielt die Anlage durch, ehe sie in 2016 erneuert wurde. 17 Jahre zuvor, wurde die Gefrierkammer selbst saniert. Dadurch senkte sich der Stromverbrauch drastisch von rund 8.000 kWh jährlich zu gerade mal 5.000 kWh.

Das Anmieten eines Gefrierfachs kostet die Mitglieder heute 80 Euro im Jahr. Damit wäre ein Gemeinschaftsgefrierhaus auch aktuell noch die kostengünstigere Variante im Vergleich zu einer eigenen Kühltruhe im Haus. Denn allein die Stromkosten dafür werden mit durchschnittlich 90 Euro berechnet. Doch der Komfortverlust durch eine solche Lösung verdrängt die Kostenersparnis der meisten Privatpersonen. Heutzutage werden die Gefrierfächer insbesondere von Jägern genutzt, die ihre erlegten Tiere einlagern wollen. Auch für Familien, die ein halbes Rind beim Metzger kaufen, um einen gewissen Vorrat zu haben, greifen gerne auf diese Möglichkeit zurück, da sie die Menge an Fleisch nicht in ihrer eigenen Kühltruhe unterbringen können.

Jedoch wurde in den vergangenen Jahren hier nicht nur Lebensmittel untergebracht, erinnert sich Stephan Küthe, 1. Vorsitzender der Gefriergemeinschaft Beienbach. Einmal habe ein Archivar aus dem Rheinland die Gefrierräume zweckendfremdet. Als seine Bibliothek durch einen Wasserschaden geflutet wurde, mussten die Bücher und Dokumente schockgefrostet werden, um Schäden abzuwenden. Unzählige Kisten seien dabei in dem kleinen Gebäude untergekommen.  Wenngleich sich also die Nutzung des Gefrierhauses verändert hat, so wird es auch heute noch genau so gerne von den Dorfbewohnern zum Einfrieren und Lagern verwendet. Damals wie heute bei immer genau – 21°C.

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